Sonntags-Talk

Bundesbehindertenanwältin Christine Steger: „Die Vielfalt des Lebens muss allen zumutbar sein“

Episode Summary

Als Bundesbehindertenanwältin setzt sich die Salzburgerin Christine Steger tagtäglich für die Rechte und Teilhabe von Menschen mit Behinderung – nicht zuletzt auch, weil sie selbst seit einem Unfall mit einer Behinderung lebt. Im Sonntagstalk erzählt sie uns, wie das derzeitige Inklusionssystem in Österreich Berührungsängste schürt und wie sie als Frau mit einer Behinderung wahrgenommen wird. „Mit wie vielen Menschen mit Behinderung bist du im Lauf deiner Schullaufbahn, deines Studiums und deines beruflichen Lebens in Berührung gekommen?“, entgegnet Bundesbehindertenanwältin Christine Steger im SALZBURG24-Sonntagstalk auf die Frage, warum die Gesellschaft dem Thema Behinderung allzu oft mit Berührungsängsten begegnet. Seit rund 20 Jahren setzt sich die Salzburgerin gezielt für die Teilhabe und Rechte von Menschen mit Behinderung ein – seit 2023 ist die Bundesbehindertenanwältin. Täglich komme sie dabei mit Lücken im System, Ungerechtigkeit und persönlichen Schicksalen in Berührung. Diesen Weg habe sie nicht zuletzt deshalb beschritten, weil sie seit einem Unfall auch selbst mit einer Behinderung lebt und somit beide Seiten kenne. „Es war schon erschreckend, wie sich die Sicht meines Umfeldes auf mich geändert hat.“ Im SALZBURG24-Sonntagstalk erzählt die 44-Jährige, warum eine Behinderung einen Menschen alleine nicht definieren darf und welche Schritte notwendig wären, um die Gleichstellung in Österreich nachhaltig voranzutreiben.  Sonntagstalk mit Christine Steger: Auszug zum Nachlesen SALZBURG24: Christine, du setzt dich jeden Tag für Inklusion und Teilhabe ein. Was bedeuten diese Begriffe für dich persönlich? CHRISTINE STEGER: Für mich persönlich bedeutet Teilhabe und ein inklusives Leben, ein Leben zu führen wie alle anderen auch. Ein gutes Leben, das wir uns für alle Menschen wünschen. Egal, welche Wünsche sie haben. Das ist sehr unterschiedlich und individuell. Das ist auch das Entscheidende in Bezug auf Menschen mit Behinderungen: Wahlmöglichkeiten zu haben, Entscheidungen treffen zu können und nicht nur Sachzwängen zu unterliegen. Sich ein gutes Leben aufbauen zu können, eine Existenz zu haben, die nicht nur determiniert ist von dem Umstand, dass mir aufgrund meiner Behinderung ein bestimmter Platz in der Gesellschaft zugewiesen wird. Was ist das für ein Platz, der Menschen mit Behinderung oft zugewiesen wird, würdest du sagen? Sehr oft einer mit ganz bestimmten Rahmenbedingungen. Es gibt einfach Orte, die für Menschen mit Behinderungen vorgesehen sind. Das natürliche Habitat von Menschen mit Behinderungen müssen aber nicht zwangsläufig andere Menschen mit Behinderungen sein. Sehr oft ist aber genau das der Fall. Das sind Sonderräume, Sonderkindergärten, Sonderschulen, Wohneinrichtungen und Werkstätten. Das sind Räume und Umgebungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie bestimmte Parameter haben und beispielsweise ausschließlich für Menschen mit Behinderungen sind.  Im gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung herrscht oft eine gewisse Unsicherheit oder auch Scheu. Wie siehst du das? Und wie kann man einen guten Umgang mit diesem Thema finden? Ich stelle darauf gerne eine Gegenfrage: „Wie viele Personen mit Behinderungen kennst du? Mit wie vielen bist du in die Klasse gegangen? Mit wie vielen hast du studiert? Wie viele sind in deinem Arbeitsumfeld?“ Und genau darum geht es. In Österreich gibt es schätzungsweise 1,9 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen, die angeben, Teilhabebarrieren zu haben. Das ist ein großer Teil der Bevölkerung, nämlich 20 Prozent. Das ist nicht nichts. Das sind keine exotischen Exemplare einer Spezies, sondern sie sind immer unter uns. Die Frage ist nur: Wo sind sie? In den Schulen sind sie oft nicht. An der Universität sind sie auch oft nicht zu finden. Es gibt eben sehr viele Sonderräume für Menschen mit Behinderung. Aber es hat einfach damit zu tun, dass man nicht in Kontakt treten kann. Und ich finde, dass uns als Menschen grundsätzlich das Leben und die Vielfalt des Lebens zumutbar sein muss. Den Sonntagstalk auf SALZBURG24 gibt's jede Woche. Am kommenden Sonntag spricht unser Sportredakteur Aleksander Andonov mit einer der vielseitigsten Figuren des österreichischen Fußballs: Andreas Herauf. Er gibt dabei Einblicke in seine aktuelle Vereinssuche und blickt auf seine Vergangenheit bei Austria Salzburg zurück.