Die Schwangerschaft als schönste Zeit im Leben einer Frau, Muttermilch als Zaubertrank und die Geburt als ein magischer Moment: Unser Bild von neugeborenem Leben ist geprägt von eher rosaroten Vorstellungen. Doch wie viel davon entspricht tatsächlich der Realität – und wo beginnt der Mythos? Zum Muttertag sprechen wir im Podcast mit einer Hebamme darüber, wie viel an diesen romantisierten Bildern wirklich dran ist.
Seit 35 Jahren ist Beate Elvira Lamprecht Hebamme. Der Beruf hat in ihrer Familie Tradition: Schon ihre Mutter und ihre Großmutter waren als Geburtshelferinnen tätig, auch ihre Tochter reiht sich in die Familiengeschichte ein. Seit Februar 2022 leitet Lamprecht den Bachelorstudiengang Hebammen an der Fachhochschule Salzburg in Puch (Tennengau), wo sie ihr Wissen an die nächste Generation Hebammen weitergibt. Im Sonntagstalk mit SALZBURG24 spricht sie über idealisierte Vorstellungen von Schwangerschaft, Geburt und Muttersein, welche Herausforderungen werdende Eltern in Österreich bewältigen müssen und warum man sich als Hebamme auch mit dem Tod befassen muss.
SALZBURG24: Welcher Irrglaube rund um Schwangerschaft und Geburt hält sich am hartnäckigsten?
BEATE LAMPRECHT: Dass alle Mütter oder Eltern nach der Geburt freudenstrahlend sind. Das ist nämlich nicht so. Wir wissen aus Studien, dass etwa 32 bis 38 Prozent der Eltern erleben dürfen, dass unmittelbar nach der Geburt der Blitz einschlägt und die große Liebe da ist. Aber bei zwei Drittel der Eltern ist das etwas, was erst langsam kommt. Und deshalb sind die, die es nicht erleben, eigentlich normal. Sie sind die Norm.
Was macht denn das mit Eltern, wenn sie von diesem Blitzschlag nicht getroffen werden, aber glauben, dass das die Normalität wäre?
Ganz viele Eltern oder Mütter trauen sich darüber nicht zu sprechen, weil es so einen verklärten Blick auf Mutterschaft oder Elternschaft gibt. Deshalb sind sie oft sehr in sich gekehrt, wenn sie nicht die plötzliche große Liebe erleben. Aber es ist ein Prozess. […] Es ist wie beim Tanzen lernen. Man muss sich erst aneinander gewöhnen, um dann im gleichen Takt durchs Leben zu gehen.
Gibt es einen Mutterinstinkt?
Ich denke schon, dass sich bei den allermeisten Frauen ein gewisser Mutterinstinkt entwickelt. Aber ich glaube, dass das zu einem gewissen Grad auch ein Konstrukt ist, diese Mutterliebe und der Mutterinstinkt. Der Vaterinstinkt, der sich entwickelt oder nicht entwickelt, wird nicht in der Form ausgebreitet. Instinkt hat ganz viel damit zu tun, dass man das Gegenüber kennenlern. Wenn ich als Hebamme in den ersten Tagen nach der Geburt zur Nachsorge komme, wissen Mütter oft noch nicht, was das Weinen des Kindes bedeutet. Fünf oder sechs Wochen später sagt die Mutter dann: Jetzt ist das Kind müde, weil Besuch da war. Oder: Ich werde das Kind jetzt wickeln, weil ich glaube, die Windel ist voll. Man lernt einander besser kennen und auf die Zeichen zu schauen.
Die Geburt wird oft als etwas Magisches beschrieben und die Schwangerschaft als die schönste Zeit im Leben einer Frau. Wie viel ist dran an dieser Erzählung?
Mütter würden Ihnen wahrscheinlich sagen, dass das sehr unterschiedlich ist, von Schwangerschaft zu Schwangerschaft und auch je nachdem, in welcher Phase der Schwangerschaft man ist. Wenn eine Frau von Übelkeit geplagt ist, kann man sich schon einmal fragen, ob man das als Frau wirklich wollte. Über der Klomuschel hängen und sich der Übelkeit und dem Erbrechen zu ergeben. […] Zu mir hat einmal eine Frau gesagt: Die Schwangerschaft ist eine Zeit, wo etwas passiert, ohne dass ich etwas dazu tun kann. Es wächst ein Mensch in mir. Und das ist schon ein großes Wunder. Man weiß genau, an welchem Tag welches Organ entsteht, wie das Kind sich weiterentwickelt, dass es mithört, wenn die Mutter Musik hört und es mitschmeckt, was die Mutter ist, weil sich dadurch der Geschmack des Fruchtwassers verändert. Das ist eine total spannende Zeit. Und Geburt ist natürlich eine ganz große Herausforderung, eine Lebenswende. Man wird selbst vom Kind zur Mutter, wenn man ein Kind bekommt.
Den Sonntagstalk auf SALZBURG24 gibt es jede Woche. Unser nächster Gast ist Nicole Bodmayr, die als Medienexpertin mit S24-Redakteurin Michaela Posch über Mediennutzung von Kindern sprechen wird – einfach reinhören!