Sonntags-Talk

Trockener Alkoholiker aus Salzburg: "Wusste 1.000 Gründe, warum ich kein Problem haben kann"

Episode Summary

Mit dem Dry January oder dem Trockenen Jänner machen derzeit viele Menschen einmal eine Pause vom Alkohol. Niko, ein 55-jähriger Salzburger, hat seit dem 1. April 2007 nicht mehr zum Glas gegriffen – er ist trockener Alkoholiker. Im Sonntagstalk sprechen wir über seine Krankheit.

Episode Notes

Ein Glaserl Rotwein für den Blutdruck oder ein „verdientes“ Bier zum Feierabend – in der österreichischen Gesellschaft ist Alkohol tief verankert. So manch einer probiert sich derzeit gerade an dem Dry Janurary oder dem Trocknen Monat – 31 Tage ohne Alkohol. Für den 55-jährigen Niko aus Salzburg dauert die trockene Zeit bereits über 6.500 Tage. Seit 1. April 2007 hat der nun trockene Alkoholiker nichts mehr getrunken.

Wie sich ein Leben mit der Krankheit Alkoholismus anfühlt und was bei Niko die Kehrtwende ausgelöst, erzählt er uns im Podcast. Außerdem verrät er, warum er nach fast 18 Jahren ohne Rückfall trotzdem noch jede Woche zu den Meetings der Anonymen Alkoholiker geht.

Sonntagstalk mit einem trockenen Alkoholiker: Ein Auszug zum Nachlesen

SALZBURG24: Mit dem Dry January machen derzeit viele Menschen eine Pause vom Alkohol. Als trockener Alkoholiker, um was hältst du denn allgemein von solchen Trends?

NIKO: Gut, ich finde ja mal persönlich jeden Trend, der ein bisschen weggeht von der Trinkkultur, die bei uns so ausführlichst gelebt und geliebt wird, an und für sich einen positiven Trend. Für mich als Alkoholiker, der unter der Krankheit Alkoholismus zu leiden hat, ist es natürlich eine ganz andere Situation.

Wie war das damals bei dir? Du bist ja jetzt seit einigen Jahren schon trocken. Hat dich auch so ein Trend dazu verleitet, mit dem Trinken aufzuhören? Vielleicht kannst du uns kurz erzählen, wie das war?

Bei mir war es so, ich war sehr lange ein funktionierender Trinker bzw. ein funktionierender Alkoholiker, wie ich heute weiß. Also bis am Tag vor diesem Zeitpunkt habe ich tausend Gründe gewusst, warum ich kein Alkoholiker sein kann. Ich habe auch in den 23 Jahren, in denen ich fast täglich Alkohol konsumiert habe, gefühlt keine größeren Probleme gehabt jetzt mit meiner Umwelt. 

Es ist dann etwas passiert, schleichend für mich, von meinem Gefühl her, meinem Trinken gegenüber. Ich habe mir dann über mein Trinken mehr und mehr Gedanken gemacht. Und je mehr Gedanken ich mir über mein Trinken gemacht habe, desto mehr habe ich meinen Selbstwert, meine Selbstachtung und meine Selbstliebe verloren. Und je stärker das dann war, desto größer ist dann in mir Depression entstanden. Und im Endeffekt hat mich dann wirklich der Verlust der Lebensfreude, der Verlust der Selbstachtung dann im Ende, Gott sei Dank sage ich heute, in die Knie gezwungen. 

Man hat im Kopf das Bild, dass Alkoholiker morgens aus dem Bett fallen und gleich mal zur Flasche greifen. War das bei dir auch der Fall?

Ganz zum Schluss. Also wirklich ganz zum Schluss. Das war dann so für mich der allerletzte Knackpunkt, wo ich für mich wirklich erkannt habe, irgendwas stimmt wirklich ganz massiv nicht. Wo ich das gemerkt habe, ich stehe in der Früh auf, ich zittere in der Früh. Und ich dann für mich gewusst habe, ich muss jetzt schnell was trinken, damit ich ruhig werde. Und das war für mich dann eigentlich der endgültige Verlust meiner Selbstachtung.

Du bist jetzt schon seit Jahren bei den Anonymen Alkoholikern. Warum wirst du das noch weiter verfolgen?

Der Alkohol ist ein ganz mächtiger Bursche, weil der nämlich ziemlich hinterfotzig ist. Denn der Alkoholismus ist ja die Krankheit, die dir sagt, du hast es nicht. Und sobald da eine Hintertüre aufgemacht wird, fängt es dann schon wieder an, dass man dann irgendwelche Deals mit sich selber macht. Und da ist die Gruppe einfach so wichtig.

Wenn es mir jetzt einmal gut geht, dann gehe ich ins Meeting, dass ich was teile, dass ich vielleicht dem anderen helfen kann. Wenn es mir zu gut geht, dann gehe ich dreimal aufs Meeting, damit ich nicht abhebe. Und wenn es mir schlecht geht, gehe ich sowieso aufs Meeting. Ich habe jetzt fast 18 Jahre keine Woche ohne Meeting gemacht. Und ich werde das auch weiterhin so machen, weil mir geht es heute so viel besser, als es mir vorher gegangen ist.

Den Sonntagstalk auf SALZBURG24 gibt's jede Woche. Am kommenden Sonntag spricht Thomas Pfeifer mit der Salzburger Ernährungsberaterin Judith Haudum über Tipps, wie man die guten Vorsätze auch nach dem Jänner weiterziehen kann.